Hanuman Addiction Cycle - Pre-premiere 03.04.2019 - Das Off Theater Wien,

Ditta Rudle, tanzschrift.at, 04.04.2019

(for English please see below)

Der Tänzer und Choreograf Jan Jakubal bringt ein abstraktes Thema physisch-konkret auf die Bühne. Mit der Puppenspielerin Niina Lindroos, Musik, Licht und Videoanimation hat die düstere rätselhafte Performance „Hanuman Addiction Cycle“ am 3. April im Off Theater Premiere gehabt. Jakubals Thema kreist um die Gedankenarbeit des Gehirns, das täglich etwa fünfzigtausend Gedanken produziert, zusammenhanglos und ohne Fokus. Als Bild wählt er den mit magischen Kräften ausgestatteten hinduistischen Affengott Hanuman, der sich ständig verwandeln kann. „Wenn jeder Gedanke ein Zweig ist, ist die Aufmerksamkeit unseres Bewusstseins tatsächlich ein Affe, der sich unaufhörlich von Gedankenzweig zu Gedankenzweig schwingt.“ Ein schönes Bild für eine faszinierende Performance. Die Objekte werden lebendig und tanzen mit.
Nicht nur die finnische Künstlerin Niina Lindroos ist mit Jakubal auf der schwach beleuchteten Bühne, auch Objekte (vor allem zwei Sessel ohne Sitzfläche), die oft unheimliche Musik und die Videoanimation, die mit den agierenden Körper interagiert und Licht und Schatten an die Rückwand wirft. Ein Wesen, nahezu unkenntlich im Halbdunkel, kämpft mit Objekten und dem zweiten in Röcke und Schürzen gehüllten Wesens, das hilfreiche Freundin sein könnte, oder bösartige Feindin und später zum geflügelten Tier, Hanuman?, wird. Verwandlung ist eines der Themen der Aufführung: Objekte werden lebendig, sind Folterinstrumente und Werkzeug, die beiden Wesen, die sich auf der Bühne bewegen, sind Mensch, Tier und Zombie, gut und böse zugleich, dem Tod geweiht und sehr lebendig.
Auch das Licht spielt in "Hanuman" eine wichtige Rolle. Jakubal tanzt mit den hölzernen Partnern, den ramponierten Sesseln, ist mit Gummibändern gefesselt, hat als Todeskandidat eine schwarze Haube auf, ist Opfer und Täter, wie auch seine Partnerin. In der ausgeklügelten Choreografie ist Jakubal auch von den Objekten gefangen, tanz liegend, an Armen und Beinen gefesselt. Mittendrin bricht der Frühling ins rätselhafte Geschehen, Schmetterlinge flattern auf, sammeln sich an der Wand zum Schwarm, heften sich an die Waden der Performerin, doch gleich geht der ungezähmte Kampf, denn das sind für mich die gesamten 40 Minuten letztlich, weiter. Ein gedanklicher und auch physischer Balanceakt, getragen vom phänomenalen Körpereinsatz Jakubals. Leicht fällt es mir, in die dunkle Unschärfe und Mehrdeutigkeit hineinzufallen, mich dem Verwandlungsspiel hinzugeben und mich an den Angeboten von feinem Humor zu erfreuen. Zu danken ist dies dem perfekten Zusammenspiel von Licht und Animation, Musik und Aktion auf der Bühne.

English translation

The dancer and choreographer Jan Jakubal brings an abstract theme to the stage in a physically specific form. The gloomy and mystical performance of "Hanuman Addiction Cycle" was pre-premiered in Vienna on 3rd April 2019 in Das Off Theater. The performance is created in collaboration with Finnish puppeteer Niina Lindroos, Czech composer Jan Čechtický and Czech video animator David Vrbík.

Jan Jakubal uses the theme of brains thought processes. The brain produces about fifty thousand thoughts a day, incoherently and without focus. Jakubal uses the supernaturally skilled Hindu god Hanuman and his constantly transformative forms of being as a metaphor.

"If each thought of our mind is a tree branch, then our consciousness is a monkey that jumps this tree from branch to branch, or from thought to thought." A beautiful picture for a fascinating performance where objects come to life and dance.

Not only Finnish actress Niina Lindroos is in a darkly lit scene with Jan Jakubal, but also objects (especially two deformed chairs), often vicious music and video animation, which is connected with the performers' bodies to illustrate their forms and casts silhouettes on the back wall of the stage. One of the creatures, almost unrecognizable in the dim light, struggles with objects, and the other slowly wraps itself into skirts and aprons cocoon like. They all seem to be in a relationship of useful allies as well as malicious pests, from which later arises the winged creature Hanuman. Metamorphosis is one of the themes of the performance: objects come alive, they are instruments of torture, and a linking tool for two beings that move on stage. They represent both elements of human and animal, good and evil, and as zombies destined to death, they are very lively.

Light takes an important role in the performance. Jakubal, dancing with wooden partners, tied with yarn, wearing a black hood as a candidate for death, is a victim as well as an intruder, but at the same time an ally. In the elaborate choreography, Jan Jakubal dances being trapped by objects tying his arms and legs. Butterflies which melt as they would be breaking through burst of mysterious events, they swarm on the stage wall, stick to the actress's calves, but in the very next moment they continue their untamed fight, which for me resonates throughout the whole 45-minute performance. Intellectually and physically balanced performance is supported by the phenomenal use of the physics of Jan Jakubal. For me it is so easy to fall into a dark blur and ambiguity, to indulge in this metamorphosis and enjoy the subtle humor. It is thanks to the perfect interplay of light and animation, music and action on stage.

LULLABY - AUGEN ZU - Premiere 13.06.2016 - Dschungel Wien, 11-99

Garstig Schlummerlied?

Heinz Wagner, kurier.at, 14.06.2016

Interessante, vielschichtige Performance, die auf E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann" Bezug nimmt, im Dschungel Wien.

Die Kunst, sich wieder zu fürchten nennt die neue Tanztheatergruppe Gelbe Boje (Yellow Buoy) ihr erstes Stück „Lullaby – Augen zu“, das derzeit im Dschungel Wien im umgebauten Saal 1 zu sehen, mitzuerleben ist.

In U-Form am Rande sitzt das Publikum , wird nur zitzerlweise in Kleingruppen eingelassen, alles ganz leise, ruhig, flüsterhaft und dunkel. Weiße, teils Spitzenvorhänge an den Seiten. Eine Geräusch, das an Meeresrauschen erinnert, ein Mann an der Gitarre, daneben eine Frau zwischen Koffern und Kisten. In der Folge stürzen zwei Männer zwischen den Vorhängen auf die Bühnenmitte, verharren in verkrampft, verwurstelten Körperstellungen, bewegen sich gaaaaaaaaaaaaaaaaaaaanz laaaaaaaaaaaaaaaaaangsaaaaaaaaam, bzw. einzelne ihrer Körperteile. Sie, so wie drei Frauen, die zeitweise wie Schattenfiguren hinter den Vorhängen auftauchen, in graubraunen Sackleinen-artigen Gewändern, wirken als wären sie aus einem Bruegel-Gemälde entsprungen. Sie spielen eine Geschichte, die sich laut Programmheft an E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“, orientiert. In der geht’s düster zu, die Automatenpuppe Olimpia weint Blut-Tränen, Nathanael verliebt sich in sie, freut sich über deren zustimmendes „Ach!“ zu seinen Gedichten, während Clara, eine lebendige Frau, sich kritisch mit seinen Texten auseinandersetzt...

Düster geht’s schon auf der Bühne zu, fantasievoll auch. Spannende Momente im Spiel von Schatten und Licht, nicht zuletzt wenn dieses regenbogenartig funkelt. Oder wenn ein Spiegel hervorgeholt wird, der von einer kreisrunden Kleinbahnschiene umgeben wird, auf der eine Lok mit Taschenlampe fährt. Und wie mit magischen Händen schalten die drei Frauen Strom und Licht an und aus. Ob Hoffmanns Geschichte oder nicht – eine interessante, wenngleich doch an so mancher Stelle sich auch seeehr dahinziehende Stunde.

Traumdeutung ist ein schwieriges Geschäft

Theresa Luise Gindlstrasser, jungekritik.com, 15.06.2016

Lullaby – Augen zu. Die Kunst sich wieder zu fürchten /// von Yellow Buoy /// Dschungel Wien /// 11+ /// Theresa Luise Gindlstrasser ///

Ein Schlaflied ist ein Lied mit sich wiederholender Melodie. Es soll die in den Schlaf zu singenden in Sicherheit wiegen. In Sicherheit auch gegenüber dem möglicherweise drohenden Albtraum. Üblicherweise nehmen wir die Traumerscheinungen als gegebene hin und ersticken dann also vor Furcht. Die Performance „Lullaby – Augen zu. Die Kunst sich wieder zu fürchten“ von Yellow Buoy lässt ein solch filigranes Beieinander von beruhigendem Schlaflied und surrealen Albtraum-Elementen in einem mit weißen Vorhängen verhangenen Setting zueinander kommen.

Die drei Tänzerinnen, zwei Tänzer, eine Performerin und ein Musiker wiederholen visuell eingängige Sequenzen. Wenig Licht, viel weiß und Schattenspiel, die Geräusche von klirrenden Milchkannen und fallenden Koffern manchmal abrupt und also erschreckend einfallend ins sonstige monotone blind tapsende Wegbahnen der Tanzenden durch den Raum. Es wird in vielen Sprachen gesprochen, meist nicht auf Verständlichkeit hin, es entsteht durch die surreale Anordnung eine glaubhafte Atmosphäre von Traum. Und als so ein Traumgebilde bleibt die Performance auch ordentlich unzugänglich, kann von außen nur wie durch einen weißen Vorgang in seinen wiegenden Wiederholungen beobachtet werden.

Dschungel: „Lullaby – Augen zu“ von Jan Jakubal

Dita Rudle, tanzschrift.at, 14.06.2016

Lullaby – Augen zu“ beruht, so sagt der Autor des Stückes, der Regisseur, Choreograf und Tänzer Jan Jakubal, auf E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ (veröffentlicht als „Nachtstück“, 1816) und ist ein Tanztheater mit drei Performerinnen, 2 Performern und einer Videoinstallation, das im Dschungel seine Premiere gehabt hat. Das Publikum applaudierte nach 50 Minuten pflichtschuldig aber ratlos. Ich auch.

Hoffmanns Erzählung von Nathanael, der sich von einer bösen Macht verfolgt fühlt und Wahn und Wirklichkeit nicht mehr trennen kann, ist äußerst komplex, vielschichtig und voll schwarzer Romantik. Sicher nicht für 11jährige zu verstehen, für die das Stück im Dschungel empfohlen wird. Doch auch Erwachsene, die die Geschichte nicht präsent haben oder gar nie gelesen haben, können den silbernen Faden des düsteren Stückes nicht finden.

Der Theatersaal im Dschungel ist in eine Wohnung verwandelt. Auf der Bühne hat Andre Szakál mit Spitzenvorhängen ein zauberhaftes Schlafzimmer eingerichtet. In den Kostümen von Veronika Susanna Harb bewegen sich drei Performerinnen huschend und trippelnd mit sonderbaren Armbewegungen. Sie erinnern mich an die „zauberhaften Hexen“, Prue, Piper und Phoebe, aus der US-Fernsehserie „Charmed“ und etwas Ähnliches sind sie wohl auch. Sie erscheinen hinter den Fenstern, zaubern mit kleinen Lampen tanzende Schatten und benützen einen Spiegel und allerlei bunte Glasfläschchen, um ihre unverständliches Ritual auszuführen. Vielleicht habe ich aber auch diese Szene nicht so richtig verstanden, weil vor meinen (und vieler anderer) Augen ein Koffer mit aufgeklapptem Deckel stand, der was dahinter geschah total verborgen hat.

Die Zuschauer_nnen sitzen im Halbkreis um den Ort des Geschehens, der normale Zuschauerraum scheint zum Wohnzimmer umgewandelt, dort steht allerlei Gerümpel, das auch klirrt und scheppert, offenbar wirft es die junge Frau, die hier wohnt eine Vierte Frau, keine Fee oder Hexe, offenbar Clara, bei Hoffmann die realistische Freundin des verwirrten Nathanael. Ein Gitarrist (Patrick Trotter) sitzt auch da oben auf der Zuschauertribüne, die Finger auf den Saiten, starrt in Leere und rührt sich nicht. Die Frau spricht leise in einer fremden Sprache, auch die drei „Hexen“ haben ein paar Sätze zu sagen, auch in einer fremden Sprache und so leise, dass mir scheint, man soll ohnehin nichts verstehen. Im Hintergrund zeigt das schwarzweiße Video mitunter weiße Blitze, vorbei
zischende Schemen, vielleicht auch den bösen Zauberer Spalanzani, aus Hoffmanns Erzählung. Donnergrollen, krachende Balken, undefinierbare Laute sollen uns das Fürchten lehren.

Im Schlafzimmer verschlingen sich auch zwei Performer (András Déri, Jan Jakubal) auf dem Boden, kämpfen miteinander, einer sitzt dem anderen im Nacken. Vernunft und Fantasie? Wahnsinn und Realität? Vielleicht. Doch auf diese Idee kann nur jemand kommen, der wenigstens eine Ahnung von Hoffmann und seiner Geschichte, in der der Autor auch die Leserin verwirrt, weil die Frage was nun tastsächlich war und was die Hauptperson Nathanael sich eingebildet hat, niemals beantwortet wird.

Jan Jakubal hat etwas gewagt aber nicht vollendet. Ein Stück für Heranwachsende ab 11 ist die Performance keineswegs und mit einem Lullaby, einem Schlummerlied beschäftigt er sich auch nicht. Der Gitarrist zupft einmal, auf der Bühne stehend, kurz und atonal auf seinem Instrument, im „Wohnzimmer“ zirpt eine Geige zwei, drei Töne. Im Tanzquartier hat Jakubal vor Jahren sein Solo „Lullaby – Vol.1“im Rahmen des Projekts „StückWerk“ gezeigt. „Lullaby – Augen zu“ könnte man als Werkstückbezeichnen.